Prof. Dr. Dominik Kögel

Wer Innovation will, muss 7 Dinge beachten – Oder: Wie die Innovationsökonomik Ihnen helfen kann, die Welt zu verändern

Wortmeldung

von Prof. Dr. Dominik Kögel

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Innovation kann mit Recht verstanden werden als die Fähigkeit, im (positiven Sinne) die Welt zu verändern. Oft gerät aus dem Blick, dass, wer den Fortschritt will, Innovation fördern, vielmehr erst: ermöglichen muss. Auch die Wirtschaftswissenschaften hatten dies lange ignoriert (vgl. Fagerberg, 2005; Swann, 2009). Man nahm sogar an, das Neue entstünde irgendwie von selbst. Innovation ist an und für sich nicht schwer. Und doch: Man tut sich durchaus schwer damit. Ob das damit zusammenhängt, dass Innovation mit Ungewissheit zu tun hat? Oder damit, dass ein wichtiger Aspekt der Förderung von Innovation darin besteht, gerade auch anderen ihre Freiheit zu lassen? – Also weniger zu fördern und mehr zu lassen?

Werfen wir einen Blick auf den Tatbestand, auf das Phänomen Innovation.

Ohne Innovation nichts los 

Dass Innovation etwas erstrebenswertes ist, muss den meisten Menschen nicht erst verdeutlicht werden. Der Begriff Innovation weckt – zumindest zunächst – positive Assoziationen. Doch warum ist Neues zu schaffen von so großer Bedeutung? Es ist nicht zu hoch gegriffen, wenn man feststellt, dass meist bekannt ist, dass ‘Innovation irgendwie wichtig ist’, die Dimension ihrer Bedeutung ist den meisten jedoch nicht bekannt oder vielmehr: nicht bewusst.

Innovation heißt “Erneuerung”.  Das ist die Bedeutung des Wortes. Weniger offensichtlich ist, dass Innovation einen der drei Faktoren hinter wirtschaftlichem Wachstum darstellt. (vgl. z.B. Aghion und Howitt, 1998; Audretsch, 2002; Howitt, 2007) Wirtschaftliches Wachstum wird in der Wirtschaftswissenschaft durch Wachstumsfunktionen beschrieben. Einfach dargestellt, gibt es drei Möglichkeiten für eine Volkswirtschaft zu wachsen: durch eine Erhöhung des Faktors Arbeit (mehr Menschen arbeiten, oder die, welche arbeiten, arbeiten mehr), durch Einsatz von Kapital (beispielsweise Maschinen), wodurch ermöglicht wird, mit der gleichen Menge an Arbeit mehr vom Gleichen herzustellen, oder durch eine Veränderung im Stand der Technik: Innovation.

Dabei muss Innovation nicht nur “mehr vom Gleichen heißen”. Der berühmte Innovationsökonom Joseph Schumpeter hat das einmal mit dem Zitat beschrieben: “Die Wirtschaftsentwicklung, vom Holzkohlen- zum Hochofen, […] von der Postkutsche zum Flugzeug, ist mehr als ein Prozess der quantitativen Optimierung” (Schumpeter, 1947). Doch das ist nur der strikt wirtschaftliche Aspekt. Der gesellschaftliche lautet: Innovation macht unser Leben besser, schöner und angenehmer!

Der gegenteilige Zustand zur Innovation heißt: Stagnation. Hin und wieder wird, gerade in unserer Gesellschaft, die das Glück hat, zu den innovativsten der Welt zu zählen (vgl. OECD, 2008 und weitere), und oftmals gerade von Personen, die genau von dieser Innovation und dem daraus resultierenden Wohlstand mit am meisten profitieren, die Vorstellung geäußert, man müsse nicht immer besser, schneller und weiter. Ein ‘Ende des Wachstums’ sei nichts Schlimmes, vielleicht sogar erstrebenswert. Das ist mitnichten der Fall!

Stagnation – das beschreibt die Ökonomie des Niedergangs (vgl. z.B. Olsen, 1985;  Acemoglu und Robinson, 2013) – führt nicht zu einer gerechteren Gesellschaft. Ganz im Gegenteil: Verteilungskämpfe, Neid, Missgunst, nehmen zu. Denn um sich besser zu stellen, muss man nun anderen etwas wegnehmen. Wächst hingegen die Wirtschaft, geht es allen besser – die Frage ist nur: um wieviel? Nur als gedanklicher Anstoß: Gerade die Innovation nutzt auch der Nachhaltigkeit: Wie sahen die Flüsse aus ohne Kläranlagen? Wieviel Sprit verbrauchte ein PkW ohne moderne Motortechnik? Wieviel grüner und lebenswerter gestaltet sich eine Industriestadt im weit entwickelten Norwegen im Vergleich zum ökonomisch eher rückständigen Indien oder Peru? 

1. Sie fällt nicht vom Himmel!

Von David Audretsch stammt das (im übrigen ironisch gemeinte) Zitat: “Sie fällt einfach herunter – wie Schnee” (Audretsch, 2004). Und in der Tat wurde dies lange zumindest implizit so angenommen. Heute ist belegt – und das ist die gute Nachricht – Innovation kann man machen. Sie folgt einer “Input-Output-Relation” (Griliches, 1979). Diese ist zwar nicht ganz so direkt, wie wenn man z.B. Autoteile, Turnschuhe, oder Salatköpfe herstellt. Mehr Input heißt hier: mehr Autoteile, mehr Schuhe oder mehr Salat. Mehr Input – also Manpower oder investiertes Kapital in der Forschung und Entwicklung – heißt nicht automatisch mehr Innovation. Es gibt ein sogenanntes “stochastisches Element” (Fagerberg, 2005), auch “technologisches Risiko” geheißen (Audretsch et al., 2002): Dennoch existiert eine Input-Output-Relation, wenn auch mit größerer Streuung, sie ist empirisch belegt. (Vgl. Griliches, 1980; Griliches, 1986; Griliches und Mairesse, 1983, 1984, 1990; Cuneo und Mairesse, 1984) Einfach formuliert: Sometimes you win – sometimes you lose. Und man könnte fortfahren: But if you don’t try you will never win. And the more you try the more you increase your chances of winning.

Warum ist das von Bedeutung? Es ist deshalb von Bedeutung, weil es zum einen heißt: Es ist wesentlich, wieviel in F&E investiert wird (ob im Unternehmen oder der Volkswirtschaft). Mit anderen Worten: Man muss etwas dafür tun. Doch ‘throwing money at the problem‘ hilft nicht zwangsläufig. Abhängig davon, wie Ihr Innovationsprozess organisiert ist, ob Sie eine gute oder eine eher mittelmäßige (oder vielleicht gar nicht vorhandene?) Innovationsstrategie haben, ein gutes oder mittelmäßiges Projektmanagement, abhängig von Ihrer Innovationskultur oder – auf volkswirtschaftlicher Ebene – abhängig von den Anreizsystemen und vom vorhandenen Wissenskapitalstock, sicherlich auch in Abhängigkeit von Ihrer Distanz zur sogenannten Technologiegrenze (vgl. Posner, 1961; Gomulka, 1970, 1971; Denison und Chung, 1976; Baumol, 1986; Abramovitz, 1986; Fagerberg, 1994), steigt oder sinkt Ihr Innovationsertrag. 

2. Wer Neues will, muss Altes lassen!

Das führt zum nächsten Thema. Die Innovation als solche sieht sich einer Anreizproblematik gegenüber, die es durchaus in sich hat, und derer sich jeder bewusst sein muss, der (erfolgreich) innovativ tätig sein möchte.

Joseph Schumpeter, der Begründer der Innovationsökonomik, beschrieb dies 1947 mit dem Begriff der “Schöpferischen Zerstörung” (Schumpeter, 1947). Man könnte sagen: Wer Neues will, muss Altes lassen. Oder: Das Neue ist der Feind des Alten. Das Bessere der Feind des Guten. Das höre ich natürlich weniger gerne, wenn z.B. mein Lebensunterhalt vom Alten abhängt, mein Geschäftsmodell auf dem Alten beruht.

Volkswirtschaftlich betrachtet, verläuft der Prozess der Schöpferischen Zerstörung wie folgt: Ein Unternehmer (man beachte: der Innovator ist immer ein Unternehmer, denn eine Erfindung im Stillen Kämmerlein nutzt niemandem – erst durch das Verfügbarmachen am Markt ist eine Innovation der breiten Masse zugänglich!) tätigt eine Innovation aus Gewinnstreben. Als zunächst einziger Anbieter am Markt hat er ein temporäres Monopol und streicht damit, wie der Ökonom sagt, supranormale Gewinne ein. Diese ziehen Nachahmer an. Weitere Anbieter drängen auf den Markt, so dass schließlich eine Situation des vollkommenen Wettbewerbs eintritt, in der keiner mehr einen Gewinn erzielt (die Konsumenten kommen damit in den Genuss sämtlicher Vorzüge), und der Unternehmer – er muss sich wieder etwas Neues ausdenken! 

Die Konsequenz ist, dass ich, um Innovation zu bekommen, zwei Dinge brauche: Gewinnstreben und Wettbewerb. Gebe ich meinem Unternehmer in der Volkswirtschaft oder meinem Mitarbeiter im Unternehmen nicht die Möglichkeit, mit einer Innovation Gewinn, oder einen wie auch immer gearteten persönlichen Nutzen zu erzielen, er wird es wohl bleiben lassen! Und wahrscheinlich wird kaum jemand je erfahren, was er nützliches ins Leben hätte rufen können. Doch lasse ich ihm diesen Gewinn auf immer und ewig (herrscht kein Wettbewerb, der ihn wieder zwingt, Neues anzugehen), führt dies wiederum zur Stagnation.  Aus diesem Grund wirken sich Steuern, aber auch z.B. die gesellschaftliche Ächtung von Gewinn (Stichwort: Neidgesellschaft), so negativ auf die Innovation aus, weil sie den Gewinnanreiz schmälern. Ähnliches gilt für die Bürokratie, welche oft deutliche Kosten (Aufwand) verursacht, denen kaum Nutzen entgegensteht. Aus jenem Grund sind (zu lange gültiger) Schutz von Geistigem Eigentum, das Zementieren von Monopolen in der Forschung (z.B. in Form von staatlich geförderten Exzellenz-Clustern), jedwede Form von Markteintrittsbarrieren (auch z.B. innerhalb von Unternehmen) wiederum schädlich.

Die Konsequenz ist auch, dass sich das Alte nie wehrlos durch das Neue ablösen lässt. Im Unternehmen ist dies von größter Wichtigkeit, da den etablierten Strukturen in der Regel gelungen ist, eine Machtbasis zu schaffen. Wer Innovation in seinem Unternehmen möchte, muss daher bewusst eine Balance zwischen den bewahrenden und den innovativen Kräften (Wettbewerb) herstellen – von allein sind die innovativen im Nachteil. Der Incumbent Bias bewirkt zudem, dass sich Unternehmen in ihrer Rolle so wohl fühlen, dass sie oft gar nicht die Notwendigkeit verspüren, ihr bestehendes erfolgreiche Produkt oder Geschäftsmodell durch ein neues abzulösen – mit der Konsequenz, dass es dann ein anderer tut! Gleichzeitig bedeutet Innovation für Sie die Chance, selbst in für Sie neue Märkte einzubrechen. Die Kräfte der Schöpferischen Zerstörung – sie wirken dann zu Ihren Gunsten.

3. Es ist nicht in Ihrem Interesse!

Die Wirtschaftswissenschaften haben sich über die Zeit mit vielen Themen beschäftigt. Es ist die Mikroökonomik, die zum Thema Innovation Wesentliches zu sagen hat: Die Mikroökonomik ist jener Zweig der Wirtschaftswissenschaften, der sich insbesondere damit beschäftigt, wie Menschen Entscheidungen treffen. Und ja, der Mensch ist ein Egoist. Und deswegen – so schön es auch wäre, wenn wir alle mehr altruistische Entscheidungen treffen würden – wir kümmern uns in der Regel zuerst um die Frage: Was nützt es mir? (vgl. Smith, 1776) Diese – eigentlich schon fast: Binsenweisheit – wird zwar von vielen politisch korrekten Mitbürgern regelmäßig in Frage gestellt. Es ist jedoch bislang empirisch nie gelungen, sie zu entkräften. Wir müssen sie als Faktum akzeptieren.

Die – aus Sicht der Innovation und daher unser aller Belangen – schlechte Nachricht ist: Sie ist nicht in unserem Interesse! Naja, ist sie doch: Die Innovation ist in unser aller kollektivem Interesse, jedoch nicht zwangsläufig, und dies ist die Crux, in unserem jeweiligen individuellen Interesse. Woran liegt dies? Der Ökonom spricht von externen Effekten und öffentlichen Gütern. Die Schwierigkeit, neue Ideen zu schützen, sowie die im Kontext der Diffusion neuer Technologien unweigerlich auftretenden Spillover-Effekte (vgl. Krugman, 1991; Krugman und Feldman, 1996) bewirken, dass der Nutzen von Innovation viel mehr Menschen zu Gute kommt, als nur dem, der sie schafft. Konkret: Ihrem Chef, Ihren Kollegen, Ihren Mitarbeitern, Ihren Wettbewerbern und natürlich der weiteren Gesellschaft. Ungerecht? Ist es auch! 

In unserem individuellen Nutzenkalkül wiegt jeder Nutzen und Aufwand seiner Handlungen gegeneinander ab. Und da der Aufwand für unsere innovativen Aktivitäten zumeist an uns hängen bleibt, der Nutzen jedoch – aufgrund der Schwierigkeit, neue Ideen und Technologien zu wirksam zu schützen – in großen Teilen anderen zugute kommt, passiert es: Es gibt zu wenig Innovation!

Dieses Phänomen ist in so gut wie jedem Unternehmen zu beobachten. Ebenso auf der Ebene der Gesamt- und sogar Weltwirtschaft. Die Weltwirtschaft krankt an einem Zu-Wenig an Innovation. Und der Grund sind schlechte Anreize.

4. Macht es den Leuten leicht!

Was ist die Konsequenz daraus? Die erste Konsequenz lautet: Wo immer es uns möglich ist, wir sollten es den Menschen leicht machen, (für uns) innovativ tätig zu sein. Auf gesellschaftlicher Ebene heißt das, die Problematik der externen Effekte so gut wie möglich zu mitigieren: Durch freie Bildung zum Beispiel, durch staatliche Finanzierung der Forschung und durch Abbau all dessen, was die Innovation zusätzlich noch hindert. Ansonsten heißt es: die Menschen zu lassen! Ein Beispiel dafür: Die Bedingungen für Unternehmertum. Sie sind in Deutschland (Weltbank, 2018 u.a.) schlechter als in vielen anderen OECD-Ländern. Und es ist bei weitem nicht so, dass der Behinderung von Unternehmern durch staatliche Maßnahmen immer ein anderweitiger Nutzen entgegen steht. Der Kündigungsschutz nutzt dem Arbeitnehmer – zumindest theoretisch, doch wem nutzt es, dass die Gründung eines Unternehmens in Deutschland doppelt so lange dauert wie in den USA? Intelligente Lösungen sind hier gefragt!

Auf der Unternehmensebene bedeutet Innovation v.a. immer auch ein gutes Change Management, um dadurch die Widerstände abzubauen, gegen die der Innovator ankämpfen muss. Doch auch hier sind Bürokratieabbau und das Erlauben gewisser Freiheiten innerhalb derer der Mitarbeiter agieren kann, von großer Bedeutung.

5. Fundament Bildung! 

Eine wichtige Rolle im innovativen Ökosystem spielen die Bildung und Wissen. Doch ihre Rolle ist eine andere als man früher lange dachte, denn mehr Wissen und mehr Bildung führen nicht zwangsläufig zu mehr Innovation. Wer ein eingängiges Beispiel braucht: Die Sowjetunion und wohl auch Kuba verfügten einst über hervorragende Bildungssysteme – und wir haben sie kaum als besonders innovative Gesellschaften in Erinnerung.

Was also ist die Rolle der Bildung? Der Innovationsökonom spricht hier von absorptiver Kapazität (Cohen und Levintal, 1990). Um aus Technologie Innovation zu machen, um an der Technologiegrenze dabei sein zu können, ist Bildung und Wissen nötig, sonst fehlen die Ideen – man spricht vom Erkennen von unternehmerischen Gelegenheiten oder Opportunities – und sonst fehlt die Fähigkeit zur Umsetzung. Bildung allein kann allerdings fehlende Anreize zu Unternehmertum – Leistung muss sich lohnen ! – nicht ersetzen: Der Innovationsökonom David Audretsch spricht daher von Unternehmertum als „Knowledge Filter“.

6. Rennen, um stehen zu bleiben!

Eine letzte Erkenntnis sei hier zitiert: Wer anfängt, den Weg der Innovation zu gehen, er kommt niemals an. Denn wie bei Alice im Wunderland gilt in Sachen Innovation die Erkenntnis: Man muss rennen, um am gleichen Fleck zu bleiben. (Krugman, 1979)

Technologien unterliegen, wie Lebewesen, Pflanzen, Tiere, Menschen, einem Lebenszyklus. Er beginnt mit der Entwicklungsphase, erstreckt sich über die Markteinführung, Wachstums- und Reifephase und endet im Niedergang. (Vernon, 1966) In welcher Phase sich ein Unternehmen, ein Produkt, eine Technologie befindet, lässt sich anhand bestimmter Indikatoren ablesen. Oft lässt sich gar – z.B. anhand der Technologie-S-Kurve – vorhersagen, wie lange das Wachstum einer solchen Technologie noch trägt. Wer dies verstanden hat, begreift, dass selbst für das erfolgreichste Unternehmen der Zeitpunkt kommt, wo mit einem “weiter so” die Zukunft nicht mehr gesichert werden kann. Um aus stagnierenden Margen, aus rückläufigen Wachstumsraten auszubrechen, gibt es langfristig nur einen Weg: Ins kalte Wasser, ins Risiko, Neues wagen! Damit zählt die Fähigkeit eines Unternehmens, schnell, wiederholbar, erfolgreich neue Anforderungen des Marktes oder neue Möglichkeiten zunächst zu erkennen, dann Neuerungen verläßlich, schnell und strategisch kohärent auf den Markt zu bringen, zu den wertvollsten Kompetenzen eines Unternehmens. Vieles lässt sich hier mit der richtigen Innovationsstrategie und den richtigen organisatorische Weichenstellungen bewirken (u.a. Goffin et al., 2017). Gleichzeitig ist zu erkennen, dass es noch immer viel zu wenige Unternehmen bewusst tun.

7. Sie ist es wert!

Dies ist verwunderlich. Denn der Preis ist heiß. Eine der zentralen Lehren aus der Innovationsökonomik lautet: Der beste Weg, um in bestehende Märkte einzubrechen, die Wettbewerbssituation zu eigenen Gunsten zu drehen oder gar komplett neue Märkte zu schaffen, er geht über die Innovation.

Die Macht der Innovation, sie erschließt sich am besten beim Blick auf neue Basistechnologien. Im Jahr 1926 entdeckte Nikolai Kondratieff, dass bestimmte Innovationen so bahnbrechend sind, dass sie neue, verwandte, nach sich ziehen und sich in unterschiedlichste Anwendungen, in die unterschiedlichsten Wirtschaftsbereiche hinein fortsetzen. (Kondratieff, 1926) Diese Innovationen bewirken ganze Wellen wirtschaftlichen Wachstums, Effekte, die zu langen, zwanzig bis dreißig Jahre andauernden Phasen wirtschaftlichen Aufschwungs und Wohlstands führen. Eine der bekanntesten: die Dampfmaschine. Später: das Auto, der PC und das Internet.

Die Macht der Innovation, sie ist so stark, dass sie gar zu globalen, politischen Umwälzungen führen kann: Die Entwicklung hochseetauglicher Schiffe und die Erfindungen der modernen Navigation, sie leiteten einst das Zeitalter der Kolonialzeit ein. Die Informationstechnologie – sie machte die USA ab den 1990ern zum Wirtschaftswunderland. Und Deutschland diskutiert noch heute über die (zumindest von der Politik) verschlafene Digitalisierung.

Den nächsten Kondratieff-Zyklus früh zu erkennen, und rechtzeitig auf ihn aufzuspringen, das ist Millionen wert. Die Forschung zu Megatrends als Weg der Opportunity Recognition erlaubt es, Geschäftsmodelle zu entwickeln, die an aufkommenden Trends ansetzen und so natürliches Wachstumspotential mitbringen.

Derzeit setzt sich die Erkenntnis durch, dass der nächste Kondratieff wohl in der Industrie 4.0 zu finden ist.

Fazit

Innovation ist ein zartes Pflänzchen. Nicht jeder Samen geht auf. Und bei einem jungen Trieb ist es leicht, ihn – selbst versehentlich oder aus Sorglosigkeit – zu übersehen oder ihn z.B. aus Opportunismus niederzumachen. Bis daraus die schattenspendende Eiche wird, mag es lange dauern. Doch wer sie heute nicht pflanzt, der wird sie morgen nicht haben. 

Die Wirtschaftswissenschaften haben einiges zur Innovation zu sagen. Sie haben Gesetzmäßigkeiten erforscht, deren Kenntnis dem Fachmann hilft, (mehr und bessere) Innovation zu schaffen – in Unternehmen und in der Gesellschaft. Wer diese kennt, der kann – der muss ! – vieles bewirken. Wobei ‘muss’ eben die falsche Wortwahl darstellt, denn genau müssen muss in diesem Kontext eigentlich niemand. Es ist stets die freie Wahl der handelnden Personen, tatsächlich innovativ tätig zu werden. Es gilt, die Weichen zu stellen, die Anreize zu schaffen, damit die Innovation gemacht werden kann, die die Welt verändert. Denn eines tut sie nicht: Sie fällt nicht einfach vom Himmel.

Literatur

Abramovitz, M., 1986: Catching up, forging ahead, and falling behind. Journal of Economic History, 46(2): 386-406

Aghion, P. und P. Howitt, 1998: Endogenous growth theory

Audretsch, D., 2002: The innovative advantage of U.S. cities. European Planning Studies 10(2): 165-176

Audretsch, D. 2004: Es kommt von oben herunter. Wie Schnee. brand1 08(04): 46-49

Audretsch, D. und M. Feldman, 1996: R&D Spillovers and the geography of innovation and production. The American Economic Review, 86: 630-640

Baumol, W. , 1986: Productivity Growth, convergence, and welfare: What the long-run data show. The American Economic Review, 76(5): 1072-85

Cuneo, P. und J. Mairesse, 1984: Productivity and R&D at the firm level in French manufacturing, in: Griliches, Z., 1984: Patents and productivity

Denison E. und W. Chung, 1976: How Japan’s economy grew so fast: The sources of post-war expansion

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Fagerberg, J. 2005: Innovation – a guide to the literature, in: Fagerberg, J., Mowery D. und R. Nelson, 2005: The Oxford Handbook of Innovation

Goffin K. und R. Mitchell, 2017: Innovation Management: Effective Strategy and Implementation

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Griliches, Z., 1979: Issues in assessing the contribution of research and development to productivity growth. The Bell Journal of Economics, 10(1): 92-116

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Griliches Z. und J. Mairesse, 1990: R&D and productivity growth: comparing Japanese and US manufacturing firms, in: Huton, C., 1990: Productivity growth in Japan and the United States, Studies in Income and Wealth, 53: 317-348

Howitt, P., 2007: Growth and development: a Schumpeterian perspective. C.D. Howe Commentary, 246

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Krugman, P., 1991: Myths and realities of US competitiveness. Science 254: 811-815 

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Posner, 1961: Internatinal Trade and Technical Change. Oxford Economic Papers, 13: 323-341

Smith, A., 1776: An Enquiry into the Nature and Causes of The Wealth of Nations

Schumpeter, J. 1947: Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie

Swann, P. 2009: The economics of innovation – an introduction

Vernon, R. 1966: International Investment and International Trade in the Product Cycle. Quarterly Journal of Economics, 80: 190-207

Weltbank, 2018: Doing Business in 2017

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